Unschuldige Insekten

Dieser Text wurde auf einem Montagsplenum vom 29.05.06 beschlossen. Es gibt innerhalb des Plenums vom 5.06.06 heftigen Widerspruch gegen die Form und Zielrichtung des Briefes.

Die inhaltliche Kritik an der Heuschreckensymbolik wird jedoch uneingeschränkt aufrecht erhalten.

Offener Brief des KTS-Plenums zur Kampagne gegen den Wohnungsverkauf

Die letzten Wochen scheinen einen nicht unbeträchtlichen Teil des sonst so kuscheligen Freiburger Li-La-Lummerlands erheblich radikalisiert zu haben. Plötzlich macht sich Unmut breit, Unmut über den Verkauf von bisher städtischem Wohnraum an private Eigentümer. Ja ist denn schon Kapitalismus?!

Anstatt diesen systemimmanenten Schritt als solchen zu erkennen und vernünftige und berechtigte Kritik zu üben, flattern aus Balkons und zwischen Fassaden, kleben an Strommasten und an Klohäuschen unübersehbare Hinweise, wen die „Bürgerinitiative gegen den geplanten Wohnungsverkauf“ als Schuldigen ausgemacht hat – die „Heuschrecken“.

Die Versinnbildlichung des „bösen raffgierigen Kapitalisten“ als Heuschrecke ist keine berechtigte, nicht einmal eine verkürzte Kapitalismuskritik, sie ist billigstes Ressentiment das mit altbekannten Stereotypen spielt. Anstatt das System als Ganzes zu sehen - und auch sich selbst als Teil dessen - oder gar in Frage zu stellen, wird das Grundproblem auf eine kleine Gruppe projiziert, und diese „entmenschlicht“. Das Bild der Heuschrecke an sich impliziert ja bereits, dass die Investoren wie eine Heuschreckenplage „von außen“ einfallen, um die hiesigen - also deutschen - Objekte „auszusaugen“, um dann wohlgenährt wieder zu verschwinden. Kurz gesagt: Der „Ausländer“ – optional auch „Großkapitalist“ - bereichert sich an uns machtlosen deutschen Bürgern, „guter“ hiesiger Kapitalismus gegen „böses“ Fremdkapital.

Diese Darstellung ist nicht nur oberflächlich und xenophob, sie spielt auch leichtfertig mit antisemitischen Klischees. Zwar mag die in unseren Breiten seltene Heuschreckenplage ursprünglich eine biblische Verheißung gewesen sein, aber so zu tun, als sei da zwischen 1933 und 1945 nichts gewesen mit Bildern und Metaphern (wie hieß es im Film „Jud Süß“ über die Juden: „Wie die Heuschrecken kommen sie über unser Land“), zeigt einen erschreckenden Mangel an Sensibilität. Und selbst wenn man diese Verbindung außen vor lässt, müsste jedeR längst wissen, dass das Kapital kein Vaterland hat und nur Standorte kennt, die verlagert werden, wenn es dem Höchstgewinn dient.

Mag sein dass all dies nicht ausdrückliche Intention der an sich wichtigen und notwendigen Kampagne war – tragbar ist es deshalb noch lange nicht. Mehr Wohnraum für alle, mehr Verstand ebenso.

Das KTS-Plenum

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